Regie-Impulse
Der MATRU-Blog
Bitte frontal schauen. – Freiheit, Ästhetik und der neue digitale Gehorsam
Manchmal muss ich aus beruflichen Gründen Facebook nutzen. Auch im Auftrag. Prozesse zur Account-Verwaltung geraten zunehmend zum Hürdenlauf. Statt einfachem Login forderte mich der Bildschirm schließlich zu einem Selfie-Video auf:
„Please look straight into the camera. Turn your head slowly. No glasses.“
Kein Gruß. Nur ein glatter Mechanismus, der prüft, ob ich ich bin. Oder wer ich bin. Oder überhaupt jemand bin.
Noch irritierender aber der Text im Anschluss:
If we find your account doesn’t follow our Community Standards, it will be permanently disabled and you won’t be able to appeal again.
Da steht man also, das Gesicht in der Kamera, nackt in der Biometrie – und bekommt die Botschaft serviert: Wenn wir finden, es passt nicht, war’s das. Ohne Berufung. Ohne Gespräch.
Die neue Glätte der Macht
Ich musste an Schiller denken. Und an Ästhetik. Nicht im Sinne von Schönheit, sondern im Sinne von Freiheit.
Schiller sah in der ästhetischen Erfahrung die Voraussetzung für Mündigkeit. Für Demokratie. Für ein menschliches Gemeinwesen, in dem man sich nicht beugt, sondern bildet.
Heute begegnet uns das Gegenteil: Eine Welt, in der Technologie nicht mehr als Mittel zur Befreiung dient, sondern als Mittel zur Lenkung – sanft, effizient, algorithmisch.
Es ist diese neue Glätte der Macht, die beunruhigt. Kein Schrei, keine Drohung. Nur ein höflicher, aber unbarmherziger Satz:
„You won’t be able to appeal again.”
Freiheit als Stilfrage
Ich glaube nicht an Weltuntergangs-Szenarien. Aber ich glaube an feine Signale.
Und daran, dass Freiheit nicht immer mit lautem Aufbegehren beginnt – sondern manchmal ganz still, im Blick. In einer Geste. In einem Nein, das nicht einmal ausgesprochen wird.
Das ist der Punkt, an dem Ästhetik relevant wird.
Nicht als Dekoration. Sondern als Haltung. Als die Fähigkeit, Dinge zu durchschauen – und sich selbst zu gestalten, jenseits des Vorgegebenen.
Technofeudalismus?
In diesem Zusammenhang lohnt sich ein aktuelles Buch: „Technofeudalismus“ von Yanis Varoufakis.
Darin beschreibt er, wie die großen Digitalkonzerne nicht einfach Kapitalisten sind – sondern Feudalherren. Sie besitzen nicht nur den „Marktplatz“ (wie klassische Unternehmer), sondern gleich das ganze „Land“.
Sie lassen uns Nutzer als Leibeigene agieren: sichtbar, produktiv, kontrolliert. Wir sind die Content-Produzenten, aber nicht die Eigentümer. Nicht einmal Gäste mit Rechten.
Facebook, Instagram, Google – das sind nicht mehr nur Plattformen. Es sind politische Strukturen. Und wir stehen vor der Frage: Wollen wir darin Subjekte bleiben? Oder Objekte werden?
Was bleibt?
Ich nutze weiterhin digitale Medien. Auch die großen Plattformen, notgedrungen.
Aber ich sehe sie jetzt anders. Mit einem inneren Abstand. Mit einer Sensibilität, die ich der Ästhetik verdanke – und vielleicht auch einem gesunden philosophischen Eigensinn.
Denn wer sich selbst sehen kann – wirklich sehen – wird nicht zum bloßen Bild in einer Datenbank.
Letztlich haben wir immer eine Wahl. Bei Facebook, bei WhatsApp, bei Instagram, …
Wer denkt, bevor er klickt, verliert vielleicht Reichweite, aber gewinnt Haltung.
Und wer sich an Schillers Idee der Freiheit erinnert, wird nicht stiller, sondern aufrechter.
Vielleicht so:
- Ich poste bei Instagram – aber ich denke auch über Pixelfed nach.
- Ich schreibe online – aber ich glaube an das analoge Gespräch.
- Ich nutze Technik – aber ich verwechsle sie nicht mit Welt.
Coaching als Raum für ästhetische Wachheit
Im Coaching – wie ich es verstehe – geht es genau darum:
Nicht bloß „Problemlösung“, sondern das Wiederentdecken der eigenen Wahrnehmung.
Wer sich selbst als handelndes, sinnlich denkendes Wesen erfährt, wird feinfühliger gegenüber all dem, was ihn zu bloßem Funktionieren drängt.
Er erkennt die subtilen Techniken der Anpassung – in Sprache, Bildern, Gewohnheiten – und gewinnt so Abstand, Urteilskraft und Spielraum zurück.
Ästhetische Bildung ist keine Luxusdisziplin. Sie ist die Grundlage für Freiheit.
Und damit auch für Demokratie, für Mitgestaltung, für ein Leben in Selbstverantwortung – nicht bloß Selbstoptimierung.
Im Coaching arbeiten wir gemeinsam an genau dieser Fähigkeit:
Dinge zu sehen, bevor man sie übernimmt. Und sich selbst wieder zu hören, bevor man sich fügt.