Regie-Impulse
Der MATRU-Blog

 

Bougainvillea, auferstanden.

Sie stand da wie ein Gerippe.
Kahl, grau, knorrig. Fast drei Meter hoch – aber von Glanz keine Spur.
Letztes Jahr umgepflanzt. Vielleicht ein Fehler? Jedenfalls sah sie über Monate aus wie: „Ich bin dann mal weg.“

Und dann kam dieser eine Morgen.
Ein kleiner, leuchtend roter Punkt.
Erst dachte ich, es sei ein Käfer, oder ein vertrocknetes Blatt, das sich irgendwie festgesetzt hatte.
Aber nein – es war ein Hochblatt. Das leuchtende „Falsche“, das bei der Bougainvillea wie ein dramatischer Fächer um die winzigen, echten Blüten liegt. Drei kleine weiße Blätter in der Mitte. Kaum sichtbar. Und doch – das Eigentliche.

Seitdem wächst da ein neuer Ast. Er weiß nichts von der Trockenheit, nichts von der Resignation.
Er tut einfach, was das Leben manchmal so tut:
Er blüht.
Ein bisschen zu spät. Ein bisschen dramatisch. Und wunderschön.


Wahrnehmen statt funktionieren.

Wenn ich es eilig habe – also: wenn ich wieder mal glaube, ich müsste dringend irgendwas erledigen, damit das Leben nicht verpufft –, dann sehe ich sie nicht.
Dann ist sie einfach ein Strauch. Rot halt.
Aber wenn ich stehen bleibe… dann ist da diese stille Pracht. Nicht „schön“ im kitschigen Sinn, sondern: stark. Leicht. Klar. Und überhaupt nicht selbstverständlich.

Ich glaube, darum geht’s oft, wenn man von ästhetischer Wahrnehmung spricht.
Nicht um „Kunst verstehen“. Sondern um diesen Moment, in dem man innehält. Und sieht.
Nicht bewertet, nicht analysiert – sondern einfach: sieht.
Das Leuchten im Alltäglichen. Das Unerwartete im vermeintlich Vertrockneten.

Vielleicht ist das einer der wenigen Wege, wie man in dieser Zeit bei Verstand bleiben kann.
Nicht mit noch mehr News, noch mehr „dringend“.
Sondern mit einem Blick für das, was sich nicht aufdrängt – aber bleibt.


P.S.: Die Bougainvillea steht übrigens an der Südwand, windgeschützt. Und kriegt jetzt regelmäßig Wasser. Verdient hat sie’s.